21. Weihnachtsgeschichte: “Am kürzesten Tag”

Eine Weihnachtsgeschichte für groß und kleine Leute

“Am kürzesten Tag”

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“Ist der Junge nicht zu klein, um den Baum soweit zu tragen?” fragte die Käuferin, eine Dame mit Pelz und Schleier.
“O bewahre”, meinte die Händlerin, “der hat schon ganz andere geschleppt. Sagen Sie ihm nur die genaue Adresse!”
“Luisenstraße 43 zu Frau Dr. Heller”, sagte die Dame. “Sieh, auf diesem Papier ist es auch aufgeschrieben..”
Frieder, den Baum mit der einen Hand haltend, den Zettel in der anderen, trabte der Luisenstraße zu. Er hatte so eine dunkle Ahnung, dass er mehr aus Missverständnis zu diesem Auftrag gekommen war, wusste es aber nicht gewiss. Eigentlich war er stolz, dass man ihm einen Christbaum anvertraut hatte.
Wie die Zweige so komisch am Hals kitzelten, wie harzig die Hand wurde! Allmählich drückte der Baum auch unbarmherzig auf die Schulter, man musste ihn oft von der einen auf die andere legen. Bei solch einem Wechsel entglitt Frieder das Papierchen mit der Adresse, ohne dass die steife, von der Kälte erstarrte Hand es empfunden hätte.
Endlich war die Luisenstraße glücklich erreicht. Freilich die Adresse war abhanden gekommen; aber Frieder hatte sich das wichtigste gemerkt, Nr. 42 oder 43, im zweiten Stock bei einer Frau Doktor. In der 42a wollte niemand etwas von dem Baum wissen; aber in 42b wusste das Dienstmädchen ganz gewiss, dass der Baum nach Nr. 47 gehörte.

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Es war der 21. Dezember, der kürzeste Tag des Jahres, zugleich der Thomastag, ein Feiertag für die Schuljugend. Überall wurden Weihnachtseinkäufe gemacht. Auf dem Christbaummarkt, inmitten großer und kleiner Tannen, stand der kleine Frieder Sapper, der für seinen Vater etwas in der Musikalienhandlung besorgt hatte. Vom Anblick eines Bäumchens, nicht größer als er selbst, saftig grün und buschig, konnte er sich nicht trennen.
“Du, Dich meine ich, hörst du denn gar nichts; so wirst du nicht viel verdienen!” sagte plötzlich eine rauhe Stimme. “Pack an, Kleiner, du sollst der Dame den Baum heimtragen.” Und schon fühlte Frieder die Last auf seinen Schultern.

Dort erfuhr Frieder, dass in der Luisenstraße nur ein Doktor wohne, Doktor Weber in Nr. 24, dort müsse er hin. Er hätte nun lieber in Nr. 43 angefragt, aber er traute immer allen Leute mehr zu als sich selbst, so ging er an Nr. 43 vorbei bis an Nr. 24 und hörte dort vom Dienstmädchen der Frau Dr. Weber, sie hätten längst einen Baum. Jetzt tropften Frieder die dicken Tränen herunter, und als er wieder auf der Straße stand, wurde ihm auf einmal ganz klar, wo er jetzt hinwollte - heim zur Mutter.
Endlich stand er vor der Tür, den Christbaum auf der Schulter und hörte, wie Mutter freundlich sagte: “Stell ihn nur ab, du glühst ja.” Da wurde ihm leicht ums Herz. Sie meinten alle, der Baum gehöre ihm. “Nein, nein”, sagte er, “ich muss ihn einer Frau bringen, ich weiß nur nimmer, wie sie heißt und wo sie wohnt.” Da lachten sie ihn aus und wollten alles genau hören.
Beim Mittagessen wurde beraten, wie man den Christbaum zu seiner rechtmäßigen Besitzerin bringen könne. “Einer von euch drei Großen muss mit Frieder gehen, ihm tragen helfen”, sagte Frau Pfäffling.
“Aber wir Lateinschüler können doch nicht in der Luisenstraße von Haus zu Haus laufen wie arme Buben, die Christbäume austragen”, entgegnete Karl.

“Wenn mir da zum Beispiel Rudolf Meier begegnete”, sagte Otto, “vor dem würde ich mich schämen.”
“Kinder”, sagte Herr Pfäffling, “fangt das gar nicht an. Mit solch kleinlichen Bedenken kommt man schwer durchs Leben, fühlt sich immer gebunden und hängt schließlich von jedem Rudolf Meier ab.”
Mit Hilfe des Adressbuchs und Frieders Erinnerung war bald festgestellt, dass der Baum in die Luisenstraße Nr. 43 zu Frau Dr. Heller gehörte, und Mutter bestimmte Otto zu Frieders Begleitung, denn “deinem alten Mantel schadet es am wenigsten, wenn der Baum wetzt.”
Das duldete keinen Widerspruch, und sie näherten sich beide der Luisenstraße, als Otto plötzlich seinem Frieder dem Baum auf die Schulter legte und sagte: “Da kommen ein paar aus meiner Klasse, die lachen mich aus, wenn sie meinen, ich müsse den Dienstmann machen. Das letzte Stück kannst du doch den Baum selbst tragen?”
“Gut, kann ich”, sagte Frieder und ging allein seines Weges. Wie einfach war das nun. Am Glockenzug von Nr. 43 stand angeschrieben: “Dr. Heller”. Diesmal war Frieder an der rechten Tür.
Otto, der nicht früher als Frieder nach Hause kommen wollte, wartete in der Frühlingsstraße eine Weile vergeblich auf diesen und vermutete, dass er längst daheim war. Aber das war nicht so, denn Otto wurde von allen Seiten gefragt, wie es mit dem Baum gegangen sei. Nun musste er bekennen, dass er diesen nur bis in die Nähe des Hauses Nr. 43 getragen hatte und dann mit einigen Freunden umgekehrt war. Jetzt hörte man jemanden vor der Tür. Sie machten auf. Da stand Frieder, der kleine Unglücksmensch ... und hatte wieder seinen Christbaum im Arm.
Um seinen Mund zuckte es, er würgte an den Tränen und presste hervor:
“Neunmal geklingelt, niemand zu Haus.” Sie waren alle voll Mitleid, konnten aber nicht verstehen, warum er nicht bei anderen Hausbewohnern angefragt hätte. Daran hat er nicht gedacht. “Deshalb schickt man einen größeren Bruder mit”, sagte Frau Pfäffling, “aber wenn der so treulos und vorher umkehrt, dann ist der Kleine schlecht beraten.”
Jetzt fasste der Älteste, Wilhelm, den Baum, der freilich schon ein wenig von seiner Schönheit eingebüßt hatte, und versprach, die Sache endgültig in Ordnung zu bringen. In der Luisenstraße 43 wurde ihm aufs erste Klingeln aufgemacht, und Wilhelm erzählte von den Wanderungen, die der Baum mit verschiedenen jungen Pfäfflingen gemacht hatte.
“Der Kleine dauert mich”, sagte Frau Dr. Heller. “Das zweite Mal, als er kam, war ich wohl wieder auf dem Markt, um einen anderen Baum zu holen. Was mache ich nun mit diesem? Habt ihr wohl schon einen zu Haus?”
“Wir haben noch keinen”, sagte Wilhelm.
“Also, das ist ja schön, dann nimm ihn nur wieder mit, und deinem kleinen Bruder, der soviel Not gehabt hat, möchte ich noch einen Lebkuchen schenken, den bringst du ihm, nicht wahr?”
Der kurze Dezembernachmittag war schon zu Ende und die Lichter angezündet, als Wilhelm heim kam. Die Schwestern öffneten, als er klingelte, und riefen entsetzt: “Der Baum kommt wieder!”
“Unmöglich”, rief die Mutter. “Gelt”, rief Frieder, “es wird nicht aufgemacht, wenn man noch so oft klingelt.”
Aber Wilhelm lachte, zog vergnügt den Lebkuchen aus der Tasche und gab ihn Frieder: “Der ist für dich von deiner Frau Heller, und der Baum, Mutter, der gehört uns, ganz umsonst!”

Agnes Sapper

 

 

 

 

 

           

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